NoLine-Commerce – Der Handel von morgen

Die Grenzen zwischen der realen und der virtuellen Welt werden immer fließender. Ist man vor einigen Jahren noch davon ausgegangen, dass Menschen zukünftig zwei „Leben“ parallel führen werden (real und virtuell), ist heute schon ganz klar der Trend zu erkennen, dass die Online- und Offline-Welten immer mehr zu einer einzigen verschmelzen. Im E-Commerce nennt man diesen Effekt „No-Line“. Menschen werden sich also in ihrem Entscheidungs- und Kaufprozess immer häufiger nicht mehr nur zwischen Online-Shop, Mobile-Shop und stationärem Handel bewegen, sie werden zukünftig alle diese Kanäle parallel und teilweise auch am selben Ort nutzen. So werden Kunden zum Beispiel online im Laden einkaufen, mobil online bezahlen, Produkte mit einem Klick aussuchen, im stationären Handel bestellen und dort abholen oder ggfls. nach Hause liefern lassen. E-Commerce-Experten sind sich einig: Die Zukunft ist „No-Line“.

 

Berliner Startup zeigt, wie NoLine-Commerce funktionieren kann

Ein Start-Up aus Berlin mit dem Namen „Apparently Different“ macht’s vor. Es bietet ein modernes Shopsystem an, das mit seinem Konzept genau in die „NoLine“-Kerbe schlägt. Hier können interessierte Händler das neue NoLine-Shoppingerlebnis testen und ggfls. für ihr eigenes Geschäft übernehmen. Vier Wochen lang wurde es im Oktober als PopUp-Store nun auch schon mit „echten Kunden“ erfolgreich getestet. Damit ist es sicher nur noch eine Frage der Zeit, bis Läden mit diesem Konzept – vermutlich zuerst in den Metropolen des Landes – flächendeckend eröffnet werden. Die Frage ist, wann Kunden für NoLine-Commerce tatsächlich bereit sind.

„We bring the best of online shopping to fashion stores“, lautet die Botschaft des Start-Ups „Apparently Different“. Und das bringt bereits den Grundsatz des jungen Unternehmens auf den Punkt. Das neue Konzept beinhaltet im Grunde nicht viel mehr als einen Showroom, mehrere großzügige – eher wie Wohnzimmer anmutende – Umkleidekabinen und einen Checkout-Desk. Edle Hölzer und bequeme Möbel laden zum Entspannen und Wohlfühlen ein. Hinzu kommt noch moderne Technologie. Das Herzstück des Raumes ist ein großer Touchscreen. Er ersetzt die Auslage des Geschäfts. Denn im Showroom können sich die Kunden für bestimmte Styles nur inspirieren lassen. Die Outfits in allen möglichen Variationen und Kombinationen sind über den Touchscreen zu finden. Damit entfällt für den Kunden auch das lästige Hin und Her zwischen den Regalen und der Umkleidekabine – insbesondere dann, wenn keine Shoppingbegleitung dabei ist, die mal eben die Hose oder die Bluse in einer anderen Größe oder Farbe holen kann.

Über den Touchscreen werden die Kollektionen verschiedener Hersteller in Ruhe durchstöbert und ausgesucht – so wie wir es bereits vom Shoppen auf der Couch zu Hause kennen. Hat man als Kunde etwas passendes gefunden, muss nur noch die gewünschte Größe und eventuell noch die passende Farbe ausgewählt werden und schon kann die „Bestellung“ abgeschickt werden. Und jetzt wird’s spannend: Denn das Warten auf den Paketdienst entfällt an dieser Stelle. Auf der anderen Seite der Umkleidekabine befindet sich nämlich das große Fashionlager – bis unter die Decke gefüllt mit unzähligen Artikeln verschiedener Marken und Hersteller, in allen Größen und Farben, die allesamt über das Bestellsystem am Touchscreen ausgewählt werden können. Hier muss nichts ansprechend präsentiert und aufgehängt werden. Wichtiger ist, dass alles verfügbar – und natürlich schnell auffindbar – ist.

Wie von Zauberhand werden die Artikel nach der „Bestellung“ aus den Regalen „gefischt“ und in eine Schublade gelegt, die vom Kunden in seiner Umkleidekabine geöffnet werden kann. Schon hält der Kunde seine vor wenigen Augenblicken online georderte Ware in den Händen, kann sie anprobieren, ausgiebig begutachten und bei Nichtgefallen über eine Retouren-Schublade ganz bequem zurückgeben und mit dem Shoppen fortfahren. Am Checkout-Desk werden schließlich nur noch die Artikel bezahlt, für die man sich entschieden hat. Wer auch aufs lästige Einkaufstaschentragen verzichten möchte, lässt sich das neue Outfit am besten gleich nach Hause schicken.

 

NoLine bringt Vorteile für Kunden und Händler

Das NoLine-Shopkonzept ermöglicht Händlern eine enorme Erweiterung ihrer Angebotspalette und damit mehr Auswahl und Vielfalt für Kunden. Händler können viele unterschiedliche Lables, Kollektionen, Größen und Farben in hoher Stückzahl vorrätig haben. Die für Kunden nicht sichtbaren Lager werden mit Unterstützung eines modernen Logistiksystems bis unter die Decke mit Waren gefüllt. Die abgerufenen Artikel werden von Shopmitarbeitern (ggfls. auch automatisiert) in die Ausgabeschubladen der Umkleidekabinen geleitet.

 

Sind Kunden bereit für NoLine-Commerce?

Fakt ist, dass Kunden immer mehr digital leben (wollen) und auch die Online-Verkaufskanäle sehr gern nutzen. Dies wird sich in den kommenden Jahren noch weiter etablieren. Neben internetfähigen Fernsehern, Laptops und Smartphones gibt es inzwischen eine Vielzahl von sogenannten Wearables wie etwa „Smart Watches“, die uns buchstäblich ans Internet fesseln. Auch Autos, Heizungsthermostate, Lichtsteuerung, Garagentore etc. werden immer häufiger mit dem Internet verbunden. Das Netz erschließt also immer mehr Bereiche des täglichen Lebens – und viele Menschen nehmen diesen neuen Komfort sehr gern an. Das Forschungsinstitut Gartner prognostiziert, dass es im Jahr 2020 rund 25 Milliarden „Connected Devices“ auf der Erde geben wird.

Das wird selbstverständlich auch weiteren Einfluss auf das Kaufverhalten haben. Der Anteil am Onlinehandel – im Bezug auf dem gesamten Einzelhandelsumsatz – beträgt schon heute 16%. Im vergangenen Jahr ist der Umsatz im deutschen Onlinehandel um 12 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Im gesamten Einzelhandel betrug der Anstieg im gleichen Zeitraum nur 1,5 Prozent.

Schon heute wird jeder 3. Einkauf in Deutschland digital angestoßen. Und nach wie vor ist bei vielen Kunden der stationäre Handel sehr beliebt. Sie wollen – insbesondere auch im Fashionbereich – die Produkte sehen, anfassen, fühlen und anprobieren. Dazu zählt aber auch das gesamte Shoppingerlebnis. Es geht also nicht nur um Konsum, sondern um das Genießen eines Events. Eine Verschmelzung dieser beiden Welten scheint also – wenn die Idee nach den Wünschen der Kunden richtig umgesetzt ist – die logische Konsequenz zu sein. Für den NoLine-Commerce bedarf es sicher noch einer Eingewöhnungsphase. Doch je häufiger dieses Konzept angeboten wird, desto schneller werden die Vorteile erkannt und das Konzept wird sich etablieren. In erster Linie bedarf es nun mutigen Händlern, die bereit sind, den nächsten Schritt im digitalen Handel konsequent zu gehen.

Post your comments here

Your email address will not be published. Required fields are marked *