Kann denn E-Commerce (Umwelt-) Sünde sein?

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Immer mehr Menschen entdecken die Vorteile des Internetshoppings. Allein im Jahr 2014 sind im deutschen Onlinehandel knapp 43 Millionen Euro umgesetzt worden. Die Tendenz ist weiter steigend, denn der Onlinehandel ist immer noch das am stärksten wachsende Handelssegment. Das ruft die Kritiker des E-Commerce auf den Plan. Sie behaupten, dass E-Commerce eine extreme Umweltbelastung darstellt. Ist das wirklich so?

 

 

 

Belastet E-Commerce die Umwelt?

Bereits heute hat der Internethandel einen Anteil von rund 10 Prozent des Gesamthandelsvolumens. Jeder zweite Deutsche kauft bereits regelmäßig im Netz ein. Das bedeutet, dass täglich millionenfach Päckchen und Pakete in Flugzeugen, LKW und Kleintransportern auf dem Weg zum Endverbraucher sind. Diese rasante Entwicklung bringt unterschiedliche Effekte mit sich. Neben den Auswirkungen auf den stationären Handel – und dem damit in Verbindung stehenden Strukturwandel in den Innenstädten – spielt auch die zunehmende Schadstoffbelastung für Mensch und Umwelt eine Rolle. Dabei geht’s zum einen um die enorme Anzahl auszuliefernder Pakete – zum Anderen aber auch um die hohe Retourenquote, die der Onlinehandel üblicherweise zur Folge hat. So jedenfalls bislang die Vermutungen.

Doch wie gravierend ist die Umweltbelastung durch den Onlinehandel tatsächlich? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Und welche Bedeutung kommt hierbei dem Verhalten des Endkunden zu?

Eine Studie des Deutschen CleanTech Instituts (DCTI) hat sich mit diesem Thema detailliert auseinandergesetzt. In dem Zusammenhang galt es die entscheidenden Faktoren zu finden und das übliche Verhalten von Verbrauchern zu ergründen.

Unterschiede: Internethandel vs. Einzelhandel (Stock photo ID:15681406)

StudieKlimafreundlichEinkaufen2Verlässliche, offizielle Zahlen in Bezug auf das Kundenverhalten und die CO2-Emissionen im Einzelhandel gibt es nicht. Für die Studie des DCTI ist daher eine vergleichende Betrachtung des Transportweges vorgenommen worden. Verglichen wurden die Wege eines Produkts vom Händler zum Kunden – sowohl beim Onlinehandel als auch beim stationären Einzelhandel.

Um eine derart umfassende und möglichst genaue Analyse vornehmen zu können, berücksichtigt die Studie die spezifischen Strukturen und Verhaltensmuster der einzelnen Kundengruppen, die Einfluss auf die bei den Transportwegen entstehenden CO2-Emissionen haben. Anhand einer Onlinebefragung sind fünf unterschiedliche Kundentypen ermittelt worden:

  • Die Modernen
  • Die Konservativen
  • Die Sparsamen
  • Die Konsumorientierten
  • Die Bedarfsorientierten

Die Berechnungsergebnisse der CO2-Emissionen lassen Spielraum für Interpretationen – und zwar für jede einzelne dieser Kundengruppen. Beim Paketversand (wie auch beim Großgutversand) zeigt sich jedoch, dass trotz einer hohen Anzahl an Retouren bei allen Käufertypen die CO2-Emissionen tatsächlich unter denen des stationären Einzelhandels liegen. Ein wesentlicher Einflussfaktor ist dabei der Weg, den der Kunde zum Geschäft und wieder nach Hause zurücklegt, wenn er offline – also im stationären Einzelhandel – einkauft. Dieser Weg fällt beim Onlinehandel in der Regel weg, da das Paket direkt zum Kunden nach Hause geliefert wird. Nur etwa 10 Prozent der Onlinekunden holen die Pakete beim Paketshop ab.

Schaut man sich hingegen ausschließlich die CO2-Emissionen an, die durch die Retourenquote im Onlinehandel entstehen, so kann eindeutig bestätigt werden, dass diese eine zusätzliche Belastung für die Umwelt nach sich zieht. Wenn man allerdings den gesamten Prozess betrachtet – also den Einkauf einschließlich der Retoure – so ist die CO2-Emission deutlich geringer als im stationären Handel.

Mit der folgenden Abbildung wird deutlich, welche gravierenden Unterschiede es im Vergleich zwischen Online- und Offline-Handel – auch in Bezug auf die einzelnen Kundengruppen – gibt.

StudieKlimafreundlichEinkaufenDie Grafik macht deutlich: Der Onlinekauf ist im Hinblick auf die Transportwege weniger klimaschädlich als der stationäre Einzelhandel. Im Gegenteil: Trotz der hohen Retourenquote ist der Einkauf im Internet sogar deutlich weniger klimaschädlich als der Einkauf im stationären Handel. Ein wesentlicher Grund dafür ist die sogenannte Verdichtung der Sendungen:

Liefert ein LKW mehrere Pakete und Päckchen gleichzeitig in eine Region oder einen Stadtteil, ist die Zustellung in der Summe sehr viel klimafreundlicher als die individuelle Fahrt eines einzelnen Kunden mit dem PKW zum Händler. Insbesondere in ländlichen Bereichen oder Stadtrandgebieten schlägt die Fahrt zum Händler mit enormen CO2-Belastungen zu Buche.

 

Konsequenzen aus dieser Studie

Die DCTI-Studie zeigt Möglichkeiten für Handel und Kunden, wie eine dauerhafte Reduzierung der CO2-Emissionen erreicht werden kann. Wie also Kunden zum klimafreundlicheren Einkaufen bewegt und wie Umweltbelastungen durch die Änderung von Logistikprozessen vermieden werden können:

  • Bessere Kundeninformation und mehr Transparenz

Durch gezielte Information der Kunden können Vorbehalte abgebaut und neue Standards eingeführt werden. Neben klimafreundlichem Versand betrifft dies auch die Bereiche umweltfreundliche Verpackungsmaterialien und Recycling.

  • Optimierung von Logistikprozessen

Da die Optimierung von Prozessen grundsätzlich auch mit Einsparpotential verbunden ist, laufen hierzu bereits in vielen Branchen ernsthafte Bemühungen. Diese sind laut Studie zu weiter forcieren. Von der Optimierung der Tourenplanung bis hin zum Einsatz von alternativen Verkehrsmitteln wie den Schienenverkehr (statt LKW) gibt’s hier entsprechende Empfehlungen.

  • Verkehrsmittelwahl der Kunden

Das „richtige“ Verkehrsmittel bezieht sich nicht nur auf den Logistikbereich. Auch die Kunden sollten animiert werden, weniger Strecken mit dem PKW zum Händler zu fahren und stattdessen den ÖPNV oder das Fahrrad zu nutzen oder die Alternative zu nutzen: Online-Shopping. Der Stationshandel sollte sich in dem Zusammenhang nicht mehr nur auf die Offline-Kunden konzentrieren. Omni-Channel-Commerce ist hier die Lösung für glückliche Händler und zufriedende Kunden – offline wie online.

  • Rücksendungen reduzieren

Hier sind Kunden und Händler gleichermaßen gefragt. Gute Produktinfos im Online-Shop – in Verbindung mit hochwertigen und detailreichen Fotos – können nach einen Großteil an Retouren verhindern. Zudem sollten Kunden ihre Waren gezielter aussuchen und sich bei der Bestellung sehr sicher sein, dass das gewählte Produkt auch tatsächlich gewollt ist.

  • Mehrfachfahrten müssen vermieden werden

Die Logistikbranche benötigt moderne Konzepte, um überflüssige Mehrfachanfahrten zu vermeiden. Ein Logistiksystem, das zum Beispiel dem Kunden die Möglichkeit bietet, Paketsendungen umzuleiten (zum Beispiel zum Arbeitsplatz, zum Nachbarn etc.) könnte einen enormen Beitrag zur Reduzierung der CO2-Emissionen leisten. Auch das Hinterlegen von Alternativ-Lieferadressen in der Nachbarschaft könnte eine erfolgreiche Zustellung bei der 1. Anfahrt möglich machen und die CO2-Emission damit reduzieren.

Einordnung der Studienergebnisse

Nach Angaben der Autoren erhebt die Studie nicht den Anspruch, die Klimawirkungen des Einkaufens im Online- sowie im Stationärhandel umfassend zu beleuchten. Vielmehr geht es um eine erste Betrachtung mit dem Schwerpunkt „Einkaufs- und Transportprozesse“. Weitere Aspekte und Prozessschritte können und sollten daher noch näher beleuchtet werden. Hinzu kommt, dass auch weitere Komponenten eine wichtige Rolle bei der Betrachtung des Klimaschutzes spielen, die in dieser Studie nicht – oder nur am Rande – betrachtet werden. So zum Beispiel der Verbrauch von Verpackungsmaterialien, die Verwendung von Mehrfachverpackungen etc. Dennoch liefert dieser Studienansatz eine wichtige Erkenntnis und Botschaft:

Das schlechte Image, das der Onlinehandel aufgrund der relativ hohen Retourenquoten und häufig mehrmaligen Anfahrten des Paketzustellers hat, ist offensichtlich nicht gerechtfertigt. Die komplette 127-seitige Studie gibt es hier zum kostenlosen Download.

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